(Tom Astor)
Ach ja, der gute alte 50ies-Rock'n'Roll! Obschon ich damals, in den
Fifties, noch gar nicht auf dieser Welt war, liebe ich diesen Sound.

Wenn ich auch zugeben muss, dass ich auf einem kurzen Umweg
dazu kam: über die Country-Musik. Während meiner Schulzeit
wusste ich nie so recht, was für Musik mir stilistisch zusagt, ich
wusste nur, dass die Musik, welche damals gerade "in" war, dies
nicht tat. Das war die Zeit, als z.B. der Hip-Hop auch bei uns be-
kannt wurde. Die zwei damals bekanntesten Rapper waren M.C.
Hammer und Vanilla Ice, und ich glaube, es spricht für sich, dass
von beiden danach nicht mehr viel zu hören war. Mir gefiel eher
die ruhigere Musik, aber nicht zu ruhig, also keine Klassik, bitte.
Bei Klassik schlafe ich ein. Bei Norah Jones übrigens auch, ob-
schon ich weiblichen Jazz-Gesang eigentlich doch ziemlich mag.
Ich mochte Musik wie jene von Peter Reber oder Mani Matter,
was teilweise auch damit zusammenhing, dass diese Dialekt sangen-
und einer von ihnen, Peter Reber, dies immer noch tut- und ich die
Texte verstand.
Eines Tages kam ich von der Schule nach Hause, als mein Vater eine
Live-Platte von Johnny Cash hörte. Das Stück, das gerade lief, war
"A Boy Named Sue". Sowohl das Publikum, das auf der Platte zu
hören war, als auch mein Vater amüsierten sich köstlich. Und dies
obschon mein Vater kaum die Hälfte des Textes verstand! Obschon
mir weder die Stimme noch der Song anfänglich besonders gefielen,
hörte ich weiter zu, ein paar weitere Songs.
"Was ist das für Musik?" fragte ich.
"Das ist Country-Musik", antwortete mein Vater. Der Begriff sagte
mir nichts. Ich hörte ein weiteres Stück, dann bemerkte ich: "Hey,
das ist doch Western-Musik!?"
Das war meine erste Begegnung mit Country-Musik, und heute liebe
ich diesen Stil. Und Johnny Cash avancierte zu meinem Lieblings-
sänger. Das war ein Mann, der eine Stimme hatte und sie zu gebrau-
chen wusste, eine rauhe, tiefe Stimme, die genau zu den Geschichten
passte, die er in seinen Songs erzählte. Das war ganz anders als der
seichte Schlager aus den Fernsehsendungen im Hauptabendprogramm.
Ich begann, mich mit Country zu befassen, erst über die deutschen
"Ableger" wie Truck Stop, Tom Astor, Jonny Hill und Gunter Gabriel,
denn nach wie vor wollte ich die Texte verstehen. Ich war immer ein
sehr textbezogener Musikhörer. Als ich Englisch lernte, hörte ich immer
mehr die Originale und von Tag zu Tag verstand ich wieder etwas mehr.
Heute finde ich Astor, Gabriel und Hill nach wie vor grossartige Sänger,
die deutsch-sprachige Country-Musik finde ich aber eher noch "nice to
have", sehr viel mehr nicht unbedingt. Doch es ist gut, dass es sie gibt,
auch wenn Truck Stop vorwiegend auf Klischees rumreiten. Die deutsche
Country-Musik hat sicher vielen Menschen die Ohren und die Herzen
geöffnet für die original-amerikanische Country-Musik. Truck Stops
"Ich möcht' so gern Dave Dudley hör'n" machte einen der grossartigsten
Sänger amerikanischer Truckersongs im deutschsprachigen Raum erst
bekannt. Ich kaufte dann CD's der amerikanischen Künstler, damals-
es war Anfang der 1990er- war gerade Garth Brooks ganz gross im Ge-
schäft. Aber Brooks, Alan Jackson, Clint Black, George Strait, sie klingen
alle ein bisschen ähnlich, und so befasste ich mich lieber mit den Heroen
der Vergangenheit, denen, die schon gegangen waren (Jimmie Rodgers,
Hank Williams, Webb Pierce) und denen, die noch da waren (Kris Kristof-
ferson, Willie Nelson und damals auch noch Waylon Jennings und Johnny
Cash). So fand ich über den Umweg Johnny Cash zu Elvis Presley und
zum Rockabilly. Zwar konnte der Rockabilly oder Rock'n'Roll nie ganz
das in meinem Herzen ansprechen, was die Country-Musik konnte, doch
ich mochte diesen Sound. Ich mag ihn immer noch. Ich mag Elvis, Carl
Perkins und Jerry Lee Lewis, die übrigens alle drei auch mit Countrysongs
Erfolge hatten. Elvis betrachtete sich selbst als Countrysänger.
Und schliesslich kam ich auch auf den Blues, auf Mississippi John Hurt,
Charley Patton, Robert Johnson, wobei mich ein Kollege auf den Blues-
Geschmack brachte. Gerade der alte Blues war kaum ein Unterschied zu
den Songs von Jimmie Rodgers. Und über Elvis, Blues und Johnny Cash
kam ich zu Bob Dylan und der Folkmusik eines Woody Guthrie, zu den
Songschreibern wie Leonard Cohen oder Tom Waits, zu Rockern wie
Bruce Springsteen. 1994 trat ich einem Country-und Western-Club bei,
für dessen Clubheft ich regelmässig Artikel verfasste: CD-Besprechungen,
Kurzbiographien, Nachrufe, was gerade aktuell war, wenn wieder ein
Künstler einen runden Geburtstag feiern konnte, eine neue Platte heraus
gebracht hatte oder verstorben war. Vor einigen Jahren hat sich der Club
leider aufgelöst, doch inzwischen scheinen sich Country, Blues und
Rock'n'Roll bei uns etabliert zu haben. Und doch: Nach wie vor kann ich
Typen, die glauben, sich in der amerikanischen Musik gut auszukennen,
mit nur einer Frage blossstellen: "Was hältst du von Townes Van Zandt?"
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