jungen Herrn soeben ein Museumsbillet verkauft hatte, als sie merkte, dass er
noch nicht weitergegangen war und stattdessen sie anblickte.
"Entschuldigen Sie", machte er verlegen. "Ich dachte nur gerade, wie schade es
doch ist, dass noch nie Jemand Sie gemalt hat."
"Wer weiss?" meinte sie dann. "Vielleicht wurde ich ja schon mal gemalt."
"Wurden Sie?"
Sie nickte. "Ich wurde", sagte sie. "Ich bin Studentin und helfe hier bloss aus.
Ich bin schon Modell gestanden. Nackt."
Sie merkte, dass er leicht errötete, aber ihr Lachen steckte ihn schlussendlich
an.
"Möchten Sie mich denn malen?" fragte sie.
"Würden Sie dies denn tun?"
"Sehr gern sogar. Holen Sie mich doch nach Feierabend hier ab, dann können
wir alles Weitere durchgehen und einen Zeitpunkt für die Sitzung ausmachen."
"Abgemacht", sagte er und reichte ihr die Hand. "Ich bin Reto."
"Ich bin Helene", stellte sie sich vor.
"Also, bis dann", sagte er, dann betrat er die Ausstellungshalle, nicht ohne noch
einmal zurückzublicken, und er merkte, dass auch sie ihm noch nachschaute.
Am Abend danach sassen die Beiden in einer kleinen Mansardenwohnung in
der Altstadt. Nachdem sie sich über die Bildkomposition unterhalten hatten,
fragte Helene: "Soll ich mich ausziehen?"
"Macht es dir nichts aus?"
"Es wäre ja nicht das erste Mal. Ausserdem liebe ich meinen Körper. Warum soll
ich also nicht zu ihm stehen?"
Noch während sie sprach, begann sie bereits, sich zu entkleiden.
"WOW!" entfuhr es Reto, als er nun so vor sich stehen sah, so wie Gott sie er-
schaffen hatte. Ihr entlockte dies nur ein flüchtiges Lächeln.
"Ich liebe deinen Körper auch", sagte er, dann liess er sie die gewünschte Stellung
einnehmen und begann zu malen.
"Studierst du auch?" fragte sie.
"Nein", antwortete er. "Ich kann mir ein Studium nicht leisten. Mein Geld verdiene
ich als Maurer auf dem Bau."
"Dann bist du Autodidakt?"
"Ist das was Schlimmes?"
"Nein, das ist jemand, der..."
"Ich weiss, was es ist. Ich meinte: Ist es für dich etwas Schlimmes?"
"Nö, wieso? Caravaggio war auch Autodidakt."
Er legte den Bleistift zur Seite. "Die Vorskizze ist fertig", sagte er. "Jetzt geht es
an die Ausarbeitung."
"Darf ich mal sehen?"
"Natürlich. Du kannst dich wieder anziehen."
Sie trat zu ihm heran, noch immer nackt, besah sich die Skizze, fand sie gelungen
und bemerkte, leise in sich hineinschmunzelnd, dass sich die Falten seiner Hose
etwas verändert hatten.
"Kannst du mir einen Gefallen tun?" fragte sie ihn.
"Was denn?"
"Jetzt darf ich dich malen. Und zwar auch nackt."
Er kam leicht ins Schwitzen, aber dann fand er, dass dies nur recht und billig sei,
und willigte ein. Sie setzte sich auf seinen Platz, noch immer nackt, und begann.
Schamvoll versuchte er, seine Blösse mit der Hand zu bedecken. Sie lachte laut
auf.
"Du brauchst dich nicht zu schämen", meinte sie. "Und bei der momentanen
Form ist Verstecken wohl kaum noch möglich."
"Tut mir leid, ich..."
"Keine Angst, wenn die Vorskizze fertig ist, werden ich dir helfen."
Er kam immer mehr ins Schwitzen, während er dort Modell stand, doch seine
Miene veränderte sich im Laufe des Abends von einem ängstlichen Blick zu
einem seligen Lächeln...
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