Samstag, 7. Juli 2018

"Elsa", Kapitel 7

"Wieviel?" fragte der langhaarige Typ in der Lederjacke.
Elsa, die gerade ihren Auftritt beendet hatte, nannte ihm
einen Preis. Mittlerweile wusste sie, wie viel sie verlangen
konnte. Sie konnte viel verlangen. Das fand sie auch ganz
in Ordnung. Schliesslich war sie, dass sie attraktiv war und
dass sie es bringen konnte. Der Lederjackentyp griff zu sei-
ner Brieftasche und entnahm ihr einen Schein.
"Ohne Präser?" fragte er.
"Mit", antwortete Elsa.
"Ohne."
"Nur mit."
"Dann vergiss es. Nur ohne."
"Höchstens mit der Hand."
"Davon kommt's mir nicht."
"Pech."
Auf einmal merkte sie, dass ihr Chef hinter ihr stand.
"Der Kunde ist König", zischte er ihr ins Ohr. "Dein Job ist
es, ihm jeden Wunsch zu erfüllen. Weisst du das denn nicht
mehr?"
Sie drehte sich zu ihr um. "Ich will keine Kinder und kein
AIDS kriegen, verdammt!"
"Scheissegal", knurrte der Chef. "Das ist Business, Baby!"
Dann wandte er sich an den Freier in spe: "Bezahlen Sie bei
mir. Sie wird Ihnen hörig sein."
Lederjacke gab ihm das Geld und zog Elsa, die sich zum
ersten Mal in ihrem Leben gegen einen Mann wehrte, mit
sich. Sie verschwanden hinter einer Türe. Schon bald hörte
man von draussen nur noch das Stöhnen eines Mannes und
das Schreien einer Frau, doch niemand schien davon Notiz
zu nehmen. Als die Tür sich wieder öffnete und der Leder-
jackenkerl heraustrat, sass Elsa noch nackt auf dem Bett
und weinte. Ihr linkes Auge war geschwollen.
Ähnliches Foto
Ihr Chef blickte ins Zimmer. "Na, war's denn so schlimm?"
fragte er spöttisch, mit einem sadistischen Grinsen im Ge-
sicht.
Sie blickte auf. "Bitte", schluchzte sie. "Lassen Sie mich."
Er aber kam rein und setzte sich zu ihr. "Vielleicht sollte
ich dich etwas trösten", sagte er, doch seine Stimme klang
alles andere als tröstlich. Dann fuhr er mit seiner Zunge
über ihre verweinte Wange.
"Rühren Sie mich nicht an!" schrie Elsa und ging schnur-
stracks aus dem Bilder.
"Ach ja?" schrie er ihr nach. "Deinen Anteil kannst du
jedenfalls vergessen! Du hast schliesslich deine Auflagen
nicht erfüllt!"

Elsa war bereits ein paar Schritte gegangen, als sie hinter
sich eine Stimme hörte.
"Elsa!"
Sie drehte sich um. Es war Tatjana.
"Vergiss es", sagte Elsa. "Ich komme nicht zurück."
"Du Vertrag haben."
"Den breche ich." Sie begann, wieder zu weinen.
Tatjana nahm sie in die Arme. "Nicht weinen", sagte sie
und gab ihr etwas von dem weissen Pulver.
"Ich weiss nicht, ob mir das jetzt noch hilft", meinte Elsa.
"Hilft immer", meinte Tatjana. "Wenn mehr brauchen,
kommen zu mir. Okay?"
"Okay", machte Elsa und nahm die Tüte an sich.

In dieser Nacht träumte Elsa. Es war ein wilder, merk-
würdiger Traum. Sie träumte davon, durch ein Blumen-
beet zu wandern, in dem alle Blumen so gross wie Bäu-
me waren. Ein riesiger Schmetterling kam auf sie zu und
nahm sie mit. Sie fühlte sich frei und glücklich, im Ein-
klang mit sich und der Natur.

Der Wecker klingelte. Sie wachte auf und sah ihre Zimmer-
wände. Ihr Veilchen schmerzte. Sie fühlte sich elender als
je zuvor.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen