Mittwoch, 2. Oktober 2013

Kurzgeschichte: Janelles Rückkehr


Zeichnung von Les Toil

Der Fernseher lief, als der Nachrichtensprecher eine Meldung verlas: "Soeben
erreicht uns noch folgende Meldung: In der Inkastadt Machu Picchu hat sich
heute eine Frau zu Wort gemeldet, die behauptet, die rechtmässige Königin
der Welt zu sein. Ihr Name ist Janelle, und wer ihr folge, werde von allen Sün-
den erlöst, sagt sie. Sowohl Staats-als auch Religionsführer zeigen sich besorgt."
Der Bildschirm zeigte eine attraktive Frau, deren herausragendstes Merkmal,
nebst ihrem üppigen Busen und der Tatsache, dass sie kaum mehr als einen
dünnen Schleier trug, ihr langes, violettes Haar war.
"Doktor!" rief Joy Sweater, als sie dieses Bild sah. Dr. Hiram Destiny, der Ma-
gier und Okkultist, für den Joy als Assistentin arbeitete, kam ins Wohnzimmer
gestürzt und sah gerade noch das Bild der Frau, bevor es abgeblendet wurde.
"Was ist denn?" fragte er.
"Diese Janelle", meinte Joy, "das ist ein Fall für uns."
"Aber nicht doch. Das ist nur eine Verrückte, die sich im Sektierertum versucht.
Dazu braucht es uns nicht."
"Doch, das ist ein Fall für uns."
"Wir haben keinen Auftrag, uns mit ihr zu befassen."
"Dann beauftrage ich Sie."
"Sie...beauftragen mich? Aber...Sie sind meine Assistentin..."
"Richtig. Und nun beauftrage ich Sie damit, dieser Janelle das Handwerk zu ver-
sauen."
"Warum ist Ihnen das so wichtig?"
"Ich kenne Janelle von früher. Glauben Sie mir, sie ist gefährlich."
Destiny setzte sich. "Erzählen Sie mir davon", bat er.
"Zunächst müssen Sie wissen", begann Joy, "dass ich so meine Erfahrungen mit
Sekten gemacht habe. Ich war zwar nie in einer, doch einige Menschen, die mir
sehr nahe standen. Janelle war eine Art Göttin für viele dieser Menschen, auch
wenn sie es nie zugegeben hätten. Schliesslich waren sie ja gottesgläubig, gottes-
fürchtig sogar. Aber Janelle hatte sie alle in der Tasche, und nicht nur das, sie
war sogar in verschiedensten Sekten tätig, selbst wenn diese einander spinnefeind
waren. Sie schaffte es irgendwie, die Menschen von ihrer Sache so zu überzeugen,
dass sie ihr egal wohin folgten. Hinter vorgehaltener Hand nannte man sie die 'See-
lenfängerin'. Dann, plötzlich, war sie weg, niemand wusste wohin, einige hielten
sie gar für tot, und nun taucht sie plötzlich in Maccu Picchu wieder auf."
"Das klingt zwar alles sehr interessant, aber das ist immer noch kein wirklicher
Grund, um dort unbedingt einschreiten zu müssen."
In diesem Moment ertönte vom Fernseher her erneut die Stimme des Nachrichten-
sprechers: "Wir unterbrechen das Programm aus aktuellem Anlass. Soeben wur-
den uns neueste Bilder aus Peru zugeschickt, wo, von Maccu Picchu aus, sowohl
Einheimische als auch Touristen auf die Barrikaden gehen. Wer ihnen nicht folge
und Janelle als Königin der Welt ausrufe, wäre auf ewig verdammt, skandieren sie.
Janelle selber liess verlautbaren, sie würde mit allem Krieg ein Ende machen und
die Völker dieser Erde unter ihrer Herrschaft vereinen, drohte mit einem Rundum-
schlag gegen die Staaten der Erde. Sie könne spielend noch mehr Handlanger und
Untergebene finden, drohte sie."
Der Bildschirm zeigte einen peruanischen Fremdenführer, der "Janelle! Janelle!"
rief. Dr. Destiny fiel dessen Blick auf, er schien in Trance, unter Hypnose zu sein,
dann meinte er: "Sie hatten recht, das ist ein Fall für uns. Also dann, auf nach
Maccu Picchu!"

Im Versammlungssaal der Vereinten Nationen wurde dem Vorsitzenden ein Brief
überreicht. Er überflog ihn kurz und sprach dann zu den anwesenden Staatsver-
tretern: "Ladies and Gentlemen, wie mir soeben mitgeteilt wurde, bieter uns der
bekannte amerikanische Okkultist Hiram Destiny seine Hilfe in der Affäre Janelle
an."
"Ein Okkultist?" meinte der Vertreter Spaniens. "Als guter Katholik habe ich da
so meine Bedenken."
"Manchmal muss man den Teufel mit dem Beelzebub austreiben", meinte der
Vertreter Italiens, und der Russe meinte: "Da! Ich bin dafür! Wir können jede
Hilfe brauchen."

Während die Politiker noch diskutierten, waren Destiny und Joy schon längst
in Maccu Picchu angekommen. Auf der Treppe der grossen Inka-Pyramide
stand Janelle und lächelte auf sie herunter.
"Seht her, wir haben Besuch bekommen", rief sie dem Volk zu. "Bereitet ihnen
einen angemessenen Empfang!"
Hunderte von Menschen, allesamt unter Trance, kamen auf Destiny und Joy zu
und riefen wiederholt "Janelle! Janelle!" und "Nieder mit den Ungläubigen!" in
allen möglichen Sprachen.
"Mit der Kraft der Seelenessenz könnten Sie sie befreien", meinte Destiny, "wäh-
rend ich mich um Janelle kümmere."
"Nein", widersprach Joy. "Janelle gehört mir. Ich habe mit ihr noch eine alte
Rechnung noch offen. Sie hat Jemanden ins Unheil gebracht, der mir mal sehr
viel bedeutet hat."
Mit einer erstaunlichen Durchschlagskraft bahnte sie sich ihren Weg durch die
Angreifer. Dass die geheimnisvolle Seelenessenz, deren Trägerin sie war, ihr
übermenschliche Kraft verlieh, kam selten so sehr zum Ausdruck wie in diesem
Moment. Destiny blieb in den Menschenmengen zurück und versuchte mühsam,
jeden Angreifer einzeln aus seiner Trance zu befreien.

Joy stieg die Treppe der Pyramide hoch.
"Na, sieh einer an, Joy Sweater", höhnte Janelle, als sie sie erkannte. "Ich wusste,
du würdest kommen. Seit ich weiss, dass du die 'Soulmaid' bist, die Trägerin der
Seelenessenz, wusste ich, dass wir uns eines Tages wieder begegnen werden.
Wenn alles klappt, werde schon bald ich die neue Soulmaid sein. Stell dir vor,
meine Macht gekoppelt mit jener der Seelenessenz- ich werde unbesiegbar!"
"Das Ganze diente also nur dazu, mich herzulocken?" fragte Joy.
"Oh, nicht nur. Der ganze Rest kommt schon noch- Königin der Welt und all
das- aber es wird leichter umzusetzen sein, wenn ich erstmal diese Essenz habe.
Verdammt, warum...?"
"Dachtest du, du könntest mich hypnotisieren? Du hast deine Hausaufgaben wohl
nicht gründlich genug gemacht! Dank der Seelenessenz bin ich gegen deine bösar-
tige Hypnose immun." So sprach sie und versetzte Janelle einen linken Haken,
und noch einen, und einen Schlag, und einen Tritt... bis Dr. Destiny die Treppe
hinauf gerast kam und "Aufhören! Das reicht!" rief.
"Die armen Leute sind aus der Hypnose befreit", erklärte er, ganz ausser Atem,
"und Janelle wird ihre gerechte Strafe bekommen. Wir können hier nichts mehr
ausrichten."

Zurück in Destiny Mansion, Dr. Destinys Herrenhaus in Greenwich Village,
dem Künstlerviertel New Yorks, erklang aus dem Fernseher die Stimme des
Nachrichtensprechers: "...wurde die Sektierein Janelle heute vor ein Sonderge-
richt gestellt. Die Anklage lautet auf Verbrechen gegen die Menschheit."
"Das Ganze ging noch mal gut aus", meinte Destiny. "Dennoch, Joy, eines
sollte Ihnen bewusst sein: Unsere Kräfte, unsere Fähigkeiten, unser Wissen,
die ganze Magie... wir haben dies, um der Menschheit zu helfen, nicht um
Rache zu üben."
"Wir haben doch geholfen, oder?" fragte Joy und blickte ihn unschuldig an.
"Ja, und deshalb ging es ja auch gut aus", meinte Destiny und lächelte. "Ich
wollte dennoch diesen Grundsatz mal klarmachen."
"Alles klar", meinte sie und zappte auf einen anderen Sender.

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