"Ich glaube, die grösste Barmherzigkeit
dieser Welt ist die Unfähigkeit des mensch-
lichen Verstandes, alles sinnvoll zueinander
in Beziehung zu setzen. Wir leben auf einer
friedlichen Insel der Ahnungslosigkeit inmit-
ten schwarzer Meere der Unendlichkeit, und
es war nicht vorgesehen, dass wir diese Ge-
wässer weit befahren sollen. Die Wissenschaf-
ten steuern alle in völlig verschiedene Rich-
tungen, und sie haben uns bislang nur wenig
Schaden zugefügt, doch eines Tages wird uns
das Aneinanderfügen einzelner Erkenntnisse
so erschreckende Perspektiven der Wirklich-
keit und unserer furchtbaren Aufgabe darin
eröffnen, dass diese Offenbarung uns entweder
in den Wahnsinn treibt oder uns aus der tödli-
chen Erkenntnis in den Frieden und den Schutz
eines neuen dunklen Zeitalters flüchten lässt."
(H.P. Lovecraft, "The Call of Ctulhu")
Nun wohne ich schon so lange in diesem Dorf, bin hier aufgewachsen
und doch weiss ich nur einen Bruchteil dessen, was hier so passiert.
Vielleicht ist dies auch besser so, denn gerade die unberührte Natur
rund um das Dorf hat Geheimnisse zu bieten, die sich mit unserem
analytischen Menschenverstand nicht erklären lassen und die, selbst
wenn wir eine noch so wissenschaftliche und logische Lösung fänden,
noch immer erschreckend wären.
Gerade was den See betrifft, glaubte ich doch, der ich einst hier als
Kind einmal schwimmen gelernt hätte, ich hätte schon alle Geschich-
ten über diesen Ort gehört, aber nein, da täuschte ich mich gewaltig.
Dies stellte ich fest, als ich eines Tages, gegen Ende der Badesaison,
vom Schwimmen kam und am Seeufer noch etwas auf eine der Park-
bänke sass. Auf der Parkbank nebenan spielte ein bärtiger, alter Mann
Gitarre und sang. Seine Stimme klang kaputt und rauh, aber sie passte
hervorragend zu den Themen, die er besang: zu lange Nächte in ver-
rauchten Bars, zu viel Alkohol, zuwenig Liebe und ein verkorkstes
Leben. Eine bereits etwas ältere, aber immer noch attraktive Dame
wagte sich gerade in's Wasser.
"Aua!" schrie sie auf. "Da hat's aber grosse Steine! Ich habe mir den
Zeh gestossen."
"Die Kinder scheinen sich einen Spass daraus zu machen, die grossen
Steine gleich beim Einstieg hinzulegen", meinte ich.
Der alte Mann hielt mit Musizieren inne und meinte: "Das waren nicht
die Kinder."
"Es werden wohl kaum Erwachsene gewesen sein?"
"Es waren die Seezwerge."
"Seezwerge?"
"Ja, die Seezwerge. Ich bin hier aufgewachsen und kenne mich aus.
In diesem See leben Seezwerge. Mein Name ist Lido Kork."
Er reichte mir die Hand, und ich stellte mich meinerseits vor.
"Ja, hier bin ich aufgewachsen", erzählte er. "Fast hätten sie mich
damals schon geholt, die Seezwerge, doch ich bin ihnen entkommen.
Jede Nacht, wenn es dunkel ist, ordnen sie die grösseren Steine am
Seegrund für ein Ritual an. Damit ehren sie ihre Gottheit. Sind Sie
schon einmal dort hinüber geschwommen?" Er zeigte mit der Hand
in Richtung Süden.
"Natürlich", antwortete ich. "Schon oft."
"Nun, ein paar Züge in diese Richtung, da sehen Sie einen Baum-
strunk, der wie ein knorriges, altes Wurzelmännlein aussieht.
Haben Sie ihn schon mal gesehen?"
"Ja, der fiel mir schon des Oefteren auf."
"Nun, dieser Baumstrunk ist kein Baumstrunk, sondern jenes Wesen,
das die Seezwerge als Gottheit verehren. Ein menschenfressender
Wurzelmann, dem sie ihre Opfer darbringen."
"Bei allem Respekt, aber das kaufe ich Ihnen nicht ab", meinte ich.
"Das kann ich sehr gut verstehen", erwiderte er. Wir diskutierten
noch eine Weile weiter- er erzählte u.a. wie er als Musiker durch
Europa tingelte und ihm in München das Singen verboten wurde,
mit der Begründung, er singe wie ein Krokodil- dann wurde es
dunkel. Das Strandbad am See war inzwischen leergeworden,
selbst die Aufsichtsperson war bereits nach Hause gegangen.
Er aber legte seine Gitarre hin und zog sich aus. "Heute nacht
können sie mich holen kommen", meinte er. "Ich bin alt und krank
und habe nichts mehr, für dass es sich zu leben lohnt. Ich hoffe,
ich bleibe wenigstens Ihnen in guter Erinnerung." Völlig nackt
stieg er in den See. Ich winkte ihm noch zu, dann musste ich leider
gehen. Als ich mich auf den Weg machte, hörte ich seltsames, lei-
ses Stimmengewirr, das aus dem See zu kommen schien, und schon
bald darauf erklang ein Schrei, doch ich dachte mir nichts dabei und
glaubte, der alte Mann wolle sich mit mir einen Scherz erlauben.
Am nächsten Morgen- es war ein Samstag, ich hatte frei und ging
besonders früh zum See, bevor die Leute kommen würden- fischte
die Bademeisterin Knochen aus dem See.
"Wahrscheinlich hat es wieder Raubmöwen", erklärte sie. "Die
fressen Alles und lassen die Knochen überall rumliegen. Das muss
eine grosse Raubmöwe gewesen sein."
Ich stieg in den See und schwamm südwärts, da ich einen Blick auf
den "Wurzelmann"werfen wollte. Was ich sah, liess mich schnellst-
möglich wieder umkehren! Der Wurzelmann sah aus wie immer, doch
vor ihm, inmitten der Seelilien, schwamm ein abgenagter menschlicher
Schädel.
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