
So machte ich mich also auf zu der Schokoladenfabrik, nachdem
ich mir von Betsy noch telefonisch die Adresse geben liess. Die
Fabrik war in einem Aussenquartier Berns, so dass ich glückli-
cherweise keinen allzu langen Weg dorthin hatte.
"Wenn sie Probleme machen", meinte Betsy, "dann berufen Sie
sich auf mich. Sie kriegen von mir alle Vollmachten, die Sie be-
nötigen, um diesen Fall zu lösen."
"Sehr nett, danke", erwiderte ich. "Aber Probleme bin ich mir
gewöhnt."
Mit diesen Worten hängte ich auf und betrat den Empfang der
Fabrik. Die Empfangsdame war ein schon etwas runzeliges
Weibsstück mit schwarzgetöntem Haar und einer Nickelbrille.
Ihre Mundwinkel hingen nach unten, was bei ihr Allgemein-
zustand zu sein schien. Ihre Gestalt war gross und flach. Sie
schien sich nicht viel aus Schokolade zu machen.
"Sie wünschen?" fragte sie mit einer schrillen Stimme.
"Ich möchte mit Herrn Rothen sprechen."
"Haben Sie einen Termin?"
"Nein. Aber ich möchte ihn dennoch sprechen."
Sie blickte mich streng an. Offensichtlich konnte sie Menschen
ohne Termin nicht leiden. So oder so hatte ich das Gefühl, dass
sie Menschen im Allgemeinen nicht leiden konnte. Ich be-
schloss, statt ihr Gesicht lieber das Namensschild auf ihrem
Schreibtisch anzustarren und stellte fest, dass sie Irene Piller
hiess.
"Worum geht es?" fragte sie.
Ich entschloss mich, ein wenig zu bluffen. "Um die Vermark-
tung einer neuen Schokoladensorte", behauptete ich.
"Ich werde mal nachfragen, ob er frei ist", machte sie und griff
zum Telefonhörer. "Ihren Namen, bitte?"
"Raider", antwortete ich. Das war das Erste, was mir eingefallen
war. Glücklicherweise kaufte sie mir das ab. Und das Glück
lachte mir weiter. Herr Rothen liess mich zu sich ins Büro bit-
ten. Ich liess mir von Frau Piller eine Wegbeschreibung geben,
und als ich dort ankam, traf ich auf einen kleinen Mann mit
Halbglatze und Ansatz zu einem Bauch, der mir aber mehr
nach Bier als nach Schokolade aussah.
"Herr Raider?" Er reichte mir die Hand. "Ich bin Patrick Ro-
then. Kommen Sie herein, nehmen Sie Platz."
Ich trat ein und setzte mich, dann liess ich die Katze aus dem
Sack, indem ich ihm erstmal meinen Ausweis zeigte.
"Zunächst mal heisse ich nicht Raider", erklärte ich.
Er besah sich den Ausweis. "Privatdetektiv, soso", murmelte
er. "Sie wissen, dass ich Sie wegen Vortäuschung falscher
Tatsachen verhaften lassen kann?"
"Ich glaube kaum, dass Ihre Schreckschraube mich reingelas-
sen hätte, wenn ich gesagt hätte, dass ich Privatdetektiv bin."
"Schreckschraube? Zugegeben, Frau Piller ist nicht gerade
Miss Schweiz, aber sie gerade so zu betiteln... Wie können
Sie sich das erlauben?"
"Oh, ich kann mir sehr vieles erlauben." Nun begann ich,
die Situation schamlos auszunutzen. Ich wollte Rothen auf
die Pelle rücken, ihn nervös machen. Nur wusste ich selber
noch nicht, worauf ich eigentlich hoffte. "Meine Klientin ist
Miss Betsy Towers."
"Miss Towers ist...? Das ändert natürlich alles. Was kann ich
für Sie tun, Herr... Torso?"
"Ich nehme an, Sie hörten bereits, dass Miss Towers' rechte
Hand, Herr Merck, ermordet wurde?"
"In der Tat, das kam mir zu Ohren. Ermordet, sagen Sie?"
"Ermordet."
"Und da kommen Sie ausgerechnet zu mir?"
"Von wem erhielten Sie ihre Order? Doch wohl von Merck,
oder?"
"Von Merck, ja. Verdächtigen Sie mich etwa?"
Ich hielt ihm das Adressbuch hin. "Das hier befand sich unter
den Sachen des Toten. Kennen Sie es?"
Er blickte kurz darauf, um dann zu antworten: "Nein, noch
nie gesehen."
"Sehen Sie sich mal die Initialen auf Seite eins an."
Er tat es. "Ja, das sind meine Initialen und meine Telefon-
nummer. Und? Herr Merck und ich waren schliesslich Ge-
schäftspartner."
"Vielleicht können Sie mir weiterhelfen. Eine Idee, wer sich
hinter den anderen Initialen verbergen könnte?"
Er schaute diese kurz an, dann reichte er mir das Büchlein
zurück mit der Bemerkung: "Tut mir leid. Ich fürchte, da
muss ich passen."
"Na ja", seufzte ich. "Dennoch, vielen Dank."
"Wenn ich noch irgendetwas für Sie tun kann...", meinte er,
als ich mich erhob.
"Oh, keine Angst", machte ich und wedelte mit dem Büch-
lein. "Ich habe ja Ihre Telefonnummer."
Als ich das Büro verliess, bemerkte ich gerade noch, wie
Rothen zum Telefon griff und kurz darauf vernahm ich
seine Stimme: "Frau Piller, Sondersitzung um vier!"
Als ich das Gebäude verliess, kam mir eine Idee, zu wem
die Initialen I.P. in dem Notizbuch gehören könnten: Irene
Piller!
Fortsetzung folgt...
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