Freitag, 8. August 2014

Krimi: "Völlig verfressen", Kapitel 6

Der Gedanke, dass ich mich nun wohl noch weiter mit Irene
Piller würde beschäftigen müssen, beflügelte mich nicht ge-
rade. Lieber wäre ich mit einem von H.R. Gigers Aliens,
dem Terminator und Hella von Sinnen in einem Fahrstuhl
stecken geblieben. Verglichen mit dieser Piller wären mir
diese drei wohl vorgekommen wie Osterhase, Christkind und
Weihnachtsmann.
Ich war erst ein paar Schritte gegangen, da erschrak ich fürch-
terlich und duckte mich. Nicht nur, dass in meiner unmittel-
baren Nähe ein Schuss abgegeben wurde, der Luftzug verriet
mir ausserdem, dass die Kugel gleich hinter mir einschlug.
Offenbar galt dieser Schuss also mir, und hätte ich nicht solch
flinke Reflexe, ich wäre heute wohl entweder tot oder einen
Kopf kürzer. Schnell um mich geschaut erblickte ich auf dem
Dach eines vis-a-vis gelegenen Hauses ein Individuum, wel-
ches auf dem Absatz kehrt machte, sobald es bemerkte, dass
ich es erblickt hatte. Grösse und Gewicht waren aus dieser
Entfernung schwer zu schätzen, doch handelte es sich der
Statur nach um einen Mann. Hingegen fiel mir auch aus der
Ferne auf, dass er blondgebleichtes Haar hatte. Er war also
kein wirklicher Profi, denn sonst hätte er einen Hut getragen,
um solche auffälligen Kennzeichen zu verdecken. Ich zog
meine eigene Waffe, die ich mir, bevor ich fortging, zur Si-
cherheit eingesteckt hatte, und versuchte, ihn zu verfolgen.
Was natürlich zwecklos war, da ich nicht einmal eine Vermu-
tung hatte, wie man von der Strasse aus auf dieses Dach ge-
langte. Als ich mir ziemlich sicher war, dass der Schütze den-
noch getürmt war, ging ich das Risiko ein, an den Tatort zu-
rückzukehren, um mir das Einschlagloch der Kugel anzusehen.
Dann erst benachrichtigte ich die Polizei. Sollten die sich mit
der Bergung der Kugel abplagen. Ich hatte mein Soll für diesen
Tag erfüllt. Und mehr noch: Ich wusste jetzt, dass Jemand ner-
vös geworden war. Patrick Rothen musste irgendwo drin-
stecken. Die Frage war nur: Hatte das irgendeinen Zusammen-
hang mit dem Mord an Merck?

Der Polizist, der die Kugel sicherstellte, war ein bulliger Stüm-
per namens Pforzheimer. Er hiess nicht nur Pforzheimer, er
sah auch so aus, und sein nach Kaffe und Donuts riechender
Mundgeruch verstärkte diesen Eindruck noch. Er stellte mir
ein paar Routinefragen, dann liess er mich gehen, nicht ohne
mir vorher noch die Frage zu stellen, ob ich Polizeischutz
möchte.
"Hätte ich je in meinem Leben Polizeischutz gewollt", ant-
wortete ich ihm, "dann würde ich schon seit einigen Jahren
nicht mehr hier weilen."
Er ignorierte meine Spitzfindigkeit. Wahrscheinlich hatte er
sie nicht einmal bemerkt.
"Der Täter könnte es erneut versuchen", gab er stattdessen zu
bedenken.
"Damit muss ich mich wohl abfinden", meinte ich und zuckte
die Schultern. "Aber ich weiss, wo ich hin kann und sicher bin."
Ein Plan begann in meinem Gehirn Gestalt anzunehmen. Und
je mehr Gestalt er annahm, um so mehr glich er Betsy Towers.

"Und wo?" fragte Pforzheimer.
"Ach, irgendwo in den Alpen", antwortete ich und grinste in
mich hinein.

                                     Fortsetzung folgt...

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