Sonntag, 6. Oktober 2013

Aufzeichnungen eines Aussenseiters, 6.10.2013

Ich verstehe die Amerikaner nicht. Ich meine nicht, dass ich ihre Sprache
nicht verstehe, im Gegenteil, das amerikanische Englisch verstehe ich
viel besser als das britische. Vor kurzem schauten meine Freundin und
ich den britischen Film "Calendar Girls" auf Englisch an, und das war
ein Englisch, das wohl vom Dialekt gefärbt war, in der die Geschichte
spielte. Da wird zum Beispiel gesagt: "Was told by me Dad", wo wir uns
doch eigentlich "Was told by my Dad" gewöhnt sind. Nein, ich verstehe
die Amerikaner in anderer Hinsicht nicht. Zum Beispiel, dass sie auf alles
und jedes Essen Ketchup schütten können. Das ist doch irgendwie widerlich.
milfandthick:

Indoor Bikini (xpost from BBW)http://milfandthick.tumblr.com/
Okay, ich geb's zu, ich selber mag Ketchup nicht besonders. Ich esse es, aber
ich komme ganz gut ohne zurecht. Einen Hot-Dog mag ich z.B. viel lieber
mit Senf. Und auf Pommes brauche ich nicht mal unbedingt eine Sauce.
Oder die Scheinheiligkeit der Amerikaner. Einerseits haben sie die Erotik-und
Pornobranche quasi erfunden, andererseits sind sie teilweise so prüde wie kaum
ein anderes westliches Volk. Als der Kunsthändler Ambroise Vollard nach
Amerika reiste, um dort die Bilder der französischen Impressionisten anzuprei-
sen, da sorgte er sich allen Ernstes darum, ob der Zoll die Akte von Renoir als
Kunst akzeptieren würde oder ob sie als "Pornographie" betrachtet würden.
Das war Ende des 19., anfangs des 20.Jahrhunderts, doch in den Köpfen vieler
Amerikaner scheint es noch immer nicht viel anders auszusehen als damals.
Oder auch die Gesetzgebung, dass Alkohol nur öffentlich getrunken werden
darf, wenn er "unsichtbar" ist. Deshalb trinken die Alkoholiker in den Holly-
wood-Filmen immer aus einer Flasche, die in einer Papiertüte steckt. Damit
nicht sichtbar ist, dass da Alkohol drin steckt. Als ich im Verkauf arbeitete,
kaufte ein amerikanischer Tourist eine Dose Bier und fragte, ob er die draussen
trinken dürfe. Die Freude wiederzugeben, die er darüber hatte, dass in der
Schweiz so etwas möglich ist, das ist unmöglich. Und dabei sind wir Schweizer
selber kein unbeschriebenes Blatt, was Scheinheiligkeit betrifft. Noch immer
tun wir uns schwer mit den nicht immer ganz so ruhmreichen Rolle, die unser
Land im Zweiten Weltkrieg einnahm. Klar, wir waren neutral und blieben
weitestgehend verschont, haben einige Flüchtlinge aufgenommen und durchaus
geholfen, doch sollten wir nicht vergessen, dass auch wir damals mit Nazi-
Deutschland durchaus Geschäfte gemacht haben. Wir waren damals, mit so-
wohl Deutschland als auch Italien als Nachbarländer, quasi von faschistischen
Regimes umzingelt. Einige konservative Kreise sind der Meinung, dass dies
mit dem Verhältnis der Schweiz zur EU ähnlich wäre. Aber es gibt natürlich
Kreise, die alles und jeden, der nicht derselben Meinung ist, in einen Topf
wirft, dessen Inhalt historisch widersprüchlich wäre.
Aber zurück zu Amerika. Zur Zeit wird Amerika wahrscheinlich von der
ganzen Welt nicht verstanden. Weil sich der Kongress nicht einigen kann
(oder besser gesagt: will), stehen dort die Aemter still, staatliche Angestellte
wurden auf unbestimmte Zeit frei gestellt, in Urlaub, und zwar unbezahlt.
Was sollen die denn tun, wenn sie ihre Familien ernähren müssten? Ihre Rech-
nungen bezahlen? Das sind die wahren Leidenden dieser Geschichte, nicht
die Touristen, die nun dieses und jenes Museum oder den Nationalpark nicht
besuchen können. Die Touristen sind dadurch nicht in ihrer Existenz bedroht.
Die freigestellten Arbeiter hingegen schon. Ich bin mit einer Amerikanerin
in E-Mail-Kontakt, und natürlich habe ich sie gefragt, was sie davon halte
und in welcher Weise sie davon betroffen wäre. Sie wäre glücklicherweise
nur indirekt davon betroffen, aber sie kennt Jemanden, der bei einer staatlichen
Behörde arbeitet. Und sie schrieb ausserdem, die USA wären längst nicht so
toll, wie dies immer behauptet wird, sie könne nicht verstehen, weshalb immer
noch so viele Menschen dorthin kommen wollen. Die Songtexte von Merle
Haggard dürften wohl kaum ihren Geschmack treffen, denke ich. Allerdings
dürfte Merle Haggard wahrscheinlich der einzige Amerikaner sein, der über
diesem "Shutdown" (so nennen die das) einen einigermassen anständigen Song
schreiben könnte. Aber warum das Ganze? Präsident Barack Obama möchte
etwas einführen, was wir hier, in der Schweiz, schon seit Jahren kennen: eine
obligatorische Krankenversicherung. Die Republikaner, die im Senat die Mehr-
heit haben, befürchten darin einen Schritt in Richtung Sozialismus, sogar Kom-
munismus. Selbst nach so vielen Jahren scheint die McCarthy-Aera noch im-
mer nicht überwunden zu sein! Noch immer herrscht in vielen amerikanischen
Köpfen das selbe Gedankengut wie zur Zeit des Kalten Kriegs. Meine E-Mail-
Bekannte schrieb, das Ganze hätte gar nicht mal so viel mit Politik an sich zu
tun, sondern vielmehr damit, dass die Republikaner im Senat Obama fertig
machen wollen. Aber müssen sie dies ausgerechnet auf dem Buckel von Un-
schuldigen tun? Immerhin, schlussendlich schneiden sie sich bloss ins eigene
Fleisch. Denn wer würde, nach alldem, bei den nächsten US-Wahlen noch
Republikaner wählen? Vielleicht nur gerade noch drei Personen, die aber
unverbesserlich zu sein scheinen: Charlie Daniels, Toby Keith und Hank
Williams Jr.

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