Dienstag, 22. Januar 2013

Aufzeichnungen eines Aussenseiters, 22.1.2013


Die grossen Renaissance-Künstler Michelangelo Buonarotti und Leonardo
da Vinci stritten sich darüber, welche Kunst die höher stehende sei: Malerei
oder Bildhauerei. Michelangelo war für Bildhauerei, denn sie könne das Mo-
dell von allen Seiten darstellen, was die Malerei nicht vermag. 3D-Bilder
waren damals noch nicht erfunden. Leonardo hingegen war für Malerei, er
fand an der Bildhauerei keinen rechten Gefallen. Die bildhauerische Arbeit
war dem feingeistigen Leonardo zu schmutzig. Michelangelo hingegen be-
stand darauf, das er von Beruf "Bildhauer" war. Als er den Auftrag zur Aus-
malung der Decke der Sixtinischen Kappelle erhielt, unterzeichnete er den
Vertrag, obschon es eine Malerarbeit war, mit "Michelangelo Buonarotti,
Bildhauer". Die Maler entwickelten eine ganz eigene Methode, um zu zei-
gen, dass auch in der Malerei ein Modell von allen Seiten gezeigt werden
kann: Sie malten ihre Modelle, wie sie in einen Spiegel blicken. Zunächst
waren dies Darstellungen der "Venus im Bade", "Venus vor dem Spiegel"
oder "Venus bei der Toilette". So jedenfalls während der Lebzeiten von
Leonardo, bis hin zu Rubens und Ingres. Erst die Realisten wie Gustave
Courbet und die Impressionisten wie Auguste Renoir malten die Frauen
vor dem Spiegel, ohne sie mythologisch als "Venus" zu verklären. Und
wurden zu ihrer Zeit deswegen ebenso angegriffen wie geliebt.
Es gibt viele Anekdoten über Künstler aus der Antike, doch, was Malerei
betrifft, ist uns leider so gut wie nichts übrig geblieben. Es wäre sicherlich
interessant gewesen, wie Appelles die Kampeske gemalt hatte.
Im Bereich der Bildhauerei haben wir schon etwas mehr Kenntnisse, ob-
schon viele Statuen von den frühen Christen, da sie oft heidnische Götter
darstellten, zerstört oder verstümmelt wurden. Deswegen hat die berühmte
"Venus von Milo" z.B. nur noch einen Arm. Später, während der Reforma-
tion, kam es erneut zu solch einem Bildersturm, nur dass diesmal die Heili-
gen der katholischen Kirche dran glauben mussten. So kommt es, dass vie-
le Heilige heute ohne Kopf auskommen müssen.
Die Griechen waren dabei wohl die ersten, die so etwas wie "lebendige
Kunst" hinbekamen. Ihre Statuen waren nicht so statisch wie diejenigen
der Aegypter oder so vereinfacht wie diejenigen der Kelten. Nein, die Grie-
chen wussten um die Schönheit des menschlichen Körpers und stellten die-
se sehr gerne und sehr gut dar. Die Römer machten es ihnen nach, leider
mit weniger Gefühl. Sie waren halt leider nur "Plagiatoren".
Die Malerei des alten Aegypten oder die frühen europäischen Höhlenmale-
reien waren noch sehr statisch, und auch die Bilder des Mittelalters wirken
heute geradezu tot. Erst in der Renaissance kam wieder Leben in die Kunst,
als die Künstler die Antike wieder entdeckten und sich daran orientierten.
Einige begannen sogar schon vorsichtig, mit den meist von der Kirche vor-
gegebenen ikonographischen Traditionen zu brechen und Neues auszupro-
bieren. Das Spiel von Licht und Schatten, Hell und Dunkel kam dann im
Barock dazu. Das war der wirkliche Beitrag des Barock zur Kunstgeschichte.
Die berühmten Barockfrauen waren nämlich schon auf Bildern aus der Re-
naissance zu sehen. Und auch die Landschaftsmalerei kam im Barock auf.
Später, im 19. Jahrhundert, wurde darüber gestritten, ob der Linie oder der
Farbe der Vorzug zu geben sei. Die Vertreter der Linie waren die Klassizi-
sten um Jean-Auguste-Dominique Ingres, die sich auf das Vorbild des Ba-
rockmalers Nicolas Poussin beriefen, weswegen sie auch "Poussinisten"
genannt wurden. Die Vertreter der Farbe wurden vor allem von Eugéne De-
lacroix vertreten, der zu einem der wichtigsten Romantiker in der Kunstge-
schichte wurde. Er war ein grosser Verehrer von Peter Paul Rubens, und
die Anhänger seines Stils wurden "Rubenisten" genannt.
Dann kam irgendwann der Realismus, dessen herausragendster Vertreter
Gustave Courbet wurde. Und schliesslich der Impressionismus. Nun wur-
de eine Landschaft direkt vor Ort gemalt, nicht mehr, wie früher, anhand
von Skizzen, im Atelier. Herausragendstes Beispiel für diese Art zu malen
war Claude Monet. Wer schon einmal ein Seerosenbild von Claude Monet
im Original betrachten durfte, wird von nahe gesehen vielleicht nicht viel
erkannt haben. Aber wer etwas zurücktritt und seinen Blick darauf wirft,
der erkennt die Seerosen in diesem Meer aus Farbe.

Die Maler in den früheren Zeiten malten Nymphen und andere mythologi-
sche Wesen, die moderneren Maler brachen mit dieser Tradition. Und
doch waren sie vielleicht sehr viel traditionsbewusster, als sie es selber
wahr haben wollten. Der botanische Name der Seerose lautet nämlich
"Nymphea"...

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